Who the Fuck Is Kafka – Lizzie Doron

Who the Fuck is Kafka1Ein wenig schwebe ich mit dem Buch im ganz persönlichen Glück: Das Buch las ich genau im richtigen Moment. Bei meinem ersten Leseversuch war mir etwas nicht vergönnt, was für mich beim zweiten umso bedeutender wurde: Das Zuhören.

„Who the Fuck Is Kafka“ ist ein Buch des Zuhörens, aber auch des Aushaltens angesichts einer ausweglosen Lage.

Lizzie Doron erzählt in ihrem Roman von der Freundschaft zwischen Nadim, einem palästinensischen Journalisten, und ihr selbst, einer israelischen Schriftstellerin, deren Beziehung vom Nahostkonflikt geprägt ist. Beide lernen sich auf einer Friedenskonferenz in Italien kennen, wo sie schnell Freundschaft schließen. Oder eher so eine Art Freundschaft, denn Menschen wie sie können eigentlich keine Freunde sein.

Für Lizzie ist Nadim ein Terrorist. Sie möchte nicht, dass er es ist, aber ihre Ängste übersteigen immer wieder ihren Verstand und es fällt ihr schwer, ihm zu vertrauen. Lizzie dagegen ist in Nadims Augen die Besatzerin. Sie ist diejenige, die für sein Schicksal verantwortlich ist. Wegen der er nicht länger als 180 Tage das Land verlassen darf, ohne als staatenlos zu gelten. Wegen der er unzähligen Schikanen ausgesetzt ist. Wegen der sein Leben und das Leben seiner Familie in ständiger Gefahr ist.

Während der wenigen Tage in Italien beschließen beide, dass Nadim ein Film über sie beide dreht und Lizzie in einem Buch seine Geschichte erzählt. Die Umsetzung beider Projekte gestaltet sich schwierig und nicht nur, weil insbesondere Nadim das Geld fehlt und er nicht einmal eine Kamera hat. Obwohl Lizzie glaubt, aufgeschlossen zu sein, schafft sie es nicht, Nadim zum Sprechen zu bringen, der sich immer wieder mißverstanden fühlt. Nicht wenige Gespräche enden in einer Sackgasse.

Nadim führt sie zu Stationen seines Lebens und zeigt ihr, wie sich sein Alltag gestaltet und wie sehr sich dieser von Lizzies unterscheidet. Obwohl beide in einem Land leben, leben sie in verschiedenen Welten. Für Nadim ist es schwierig, davon zu berichten und wankelt zwischen tiefen Depressionen und beinahe cholerischen Ausbrüchen.

Auch Lizzie erzählt viel. Obwohl sie auf der „richtigen“ Seite steht, musste auch sie viel wegstecken. Als Soldatin erlebte sie selbst die Kämpfe an der Front, wo sie viele ihrer Freunde verlor. Dennoch scheint sie nicht verstehen zu wollen, was der Unterschied zwischen ihrem und seinem Leben ist – zu viele Vorurteile haben sie längst eingenommen. Lizzie muss beginnen, Nadim zuzuhören, um die unausgesprochenen Worte zu hören.

Und so ganz nebenbei, fast unbemerkt, wird eine weitere, ganz unauffällige Geschichte erzählt.



Viele Szenen gingen mir zu Herzen. Ich mache mir vom heimischen Sofa aus kaum Vorstellungen davon, was ein Leben in Israel für Bewohner beider Seiten bedeutet. Der Roman ähnelt zugleich einer Freundschaftsgeschichte als auch einem Zeitzeugenbericht:  Was beide berichten, passiert real. Die Kriege, die beide erleben, gibt es wirklich. Trotz der intensiven Bilder geht das Buch dabei behutsam vor, indem man in die Rollen zweier Charaktere schlüpfen darf. Beide Seiten werden vorgestellt: Ihre Ängste, ihre Träume, ihre Realitäten. Und obwohl vieles von dem, was beide planen, zum Scheitern verurteilt ist, spürt man ständig die Hoffnung, die ihren Alltag begleitet und es bleibt einem nichts anderes übrig, als ihnen Kraft zu wünschen.

Am Ende hat bleibt eine authentisch beschriebene Freundschaftsgeschichte, die einem Leser wie mir einen Einblick in eine ferne und doch so nahe Welt gewährt, in dem beide Seiten, sofern ich es zu beurteilen kann, fair wegkommen. Eine Freundschaftsgeschichte, die einen lehrt, warum beide Seiten denken, wie sie denken und die einen lehrt, wie man trotz unterschiedlicher Wahrnehmungen in einer „kafkaesken Situation“ eine gemeinsame Ebene findet. Wie man es gegen alle Widerstände schaffen kann, zusammenzuhalten.

„Nadim“, als fiktive Person erschaffen, wird mich noch lange begleiten. Lizzie Doron werde ich in ihren anderen Werken begleiten. Auf „Who the Fuck Is Kafka“ werde ich eines Tages wieder zurückgreifen.

(Das Datum der Rezension, 27. Januar, ist nur zufällig gewählt. Ich fühle mich durch ihn dazu aufgefordert, mich weiter zu erinnern und weiter dazu zu lernen.)



Nachtrag: Da habe ich glatt ein paar wichtige Daten vergessen, die ich an dieser Stelle nachhole:

Titel: "Who the Fuck Is Kafka"
Autorin: Lizzie Doron
Übersetzerin: Mirjam Pressler
Verlag: dtv premium
ISBN: 978-3-423-260473
Neupreis: 14,90€

(Stand: 27. Januar 2016)
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4 Gedanken zu “Who the Fuck Is Kafka – Lizzie Doron

  1. Mitten in der Nacht lese ich anscheinend besonders gern Rezensionen. 😉 Besonders wenn es deine ersten Texterzeugnisse sind, über die ich mich wahnsinnig freue. Das Buch verfolgt mich seit seinem Erscheinen. Während des einen Jahrs im Buchhandel war ich immer wunderbar up to Date. Dieses Buch hat „Kafka“ im Titel – „Muss ich haben!“ Dachte ich und zögerte lange. Dabei interessieren mich solche ernsteren Konfliktbücher mit Bezug zur Moderne und den Problemen außerhalb Deutschlands.
    Ich nehme deine sehr persönliche Rezension jedenfalls als Anlass, dieses Buch weiterhin im Auge zu behalten. Als Taschenbuch kommt es wohl im Herbst heraus.. Spätestens dann!
    Ebenso freut es mich, dass du mit solch einem guten Buch ins neue Jahr startetest. 🙂
    Liebe Grüße, Sophie

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    • Wie schön das von dir zu lesen, liebe Sophie!
      Oh ja, es ist ein tolles Buch. Und ja, mein „erstes“ Texterzeugnis – zumindest hier. Jetzt weiß ich, warum alle so wild nach diesen kleinen bunten Fähnchen sind… Zitate hätten so gut gepasst und dann wollte ich noch… Egal, jetzt bleibt der Text so, wie er ist.
      Es freut mich sehr, dir das Buch nicht ausgeredet zu haben (dessen Taschenbuch übrigens im Februar erscheint).
      Ach, bei dieses Rezensionen wird es für mich immer schwierig sein, halbwegs zu verdeutlichen, was mich fasziniert hat, ohne dabei zu spoilern. Mein ganz persönliches Dilemma. Wie bekommst du das nur immer so gut hin?
      Wahrscheinlich ist die Aufforderung unnötig: Aber solltest du es lesen und für rezensierenswert halten, erzähle davon in einem deiner Videos auf Booktube. Mich interessiert es immer, wie andere ein Buch wahrnehmen und vor allem, wie du es wahrnimmst. Betrachte dich ab sofort offiziell als eines meiner Studienobjekte (<- sagt die neue Seite der Kulturwissenschaftlerin in mir 😉
      Liebe Grüße auch an dich!

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      • Ich entsinne mich noch meiner ersten Rezensionen, da wollte ich einfach alles und damit womöglich viel zu viel in solch eine Rezension stecken, aber eigentlich ist es ganz hilfreich, wenn man vieles und vor allem relevantes zu sagen hat, denke ich. (:
        Mein Geheimnis ist gar keines, ich schreibe meine Rezensionen immer relativ impulsiv vor und strukturiere sie dann noch ein wenig nach einzelnen Unterpunkten, die aber immer verschieden sind. Kommt ja auch darauf an, was am Buch wirklich besonders ist oder zumindest auf mich erwähnenswert wirkte.
        Oh, das ist natürlich sehr gut, wenn das Buch bereits im Februar herauskommt. Wo kam denn meine Herbst-Info her? Tut mir leid. Ich habe mir so viele Taschenbücher für August/September vorgemerkt und nur so wenige im Frühjahr… Verwirrung bei der Masse an Büchern.
        Dann werde ich mal schauen, dass ich es spätestens im März in meinen Besitz transferiere. [Muss leider durch meinen neuen Job länger auf mein Gehalt warten, das kommt immer erst zum 10. und morgen darf ich Semestergebühren einzahlen gehen, yay ;]. Habe zwar zwei Bücher, die ich UNBEDINGT! im Februar kaufen wollte („Pfaueninsel“ von Thomas Hettche z.B.), aber das wird sich gedulden müssen (genauso wie „Die Maschinen 2“ von Ann Leckie).
        Auf all deine Empfehlungen bin ich jedenfalls sehr gespannt. ^-^
        Als Studienobjekt tatsche ich dann aber immer die Kamera an und schubse Bücherstapel um, hihi.
        Liebe Grüße!

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